Wenn nur der Chef entscheidet

Gastbeitrag der CRN Deutschland Redaktion

Wenn man mit einem Unternehmen zusammenarbeitet, bei dem man den Eindruck gewinnt, dass hier die eine Hand nicht weiß, was die andere tut, dann ist das wenig überzeugend. Chaos ist für den unternehmerischen Erfolg nur selten förderlich. Aber wie wichtig sind eigentlich Hierarchien in Unternehmen?

Fotos aus Fabriken im frühen 20. Jahrhundert lassen oft auf den ersten Blick erkennen: Auf der einen Seite sind die Arbeiter – davor steht jemand, der etwas zu sagen hat. Dabei geht es nicht nur um eine klare, hierarchische Struktur, sondern auch um Autorität. Die Fabrikarbeiter im frühen 20. Jahrhundert hatten nur wenige Rechte und mussten genau das tun, was man ihnen sagt.

Diese Struktur gibt es auch heute noch, aber sie ist in unserer Dienstleistungsgesellschaft abgemildert und dadurch manchmal nicht sofort erkennbar. In zahlreichen Firmen ist die Verantwortung heute auf viele Schultern verteilt und nicht für jede Entscheidung muss der Chef gefragt werden. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass gute Mitarbeiter in den meisten Fällen ohnehin genau so entscheiden wie ihr Vorgesetzter. Hinzu kommt: Je spezialisierter die Aufgabe, desto besser weiß im Zweifelsfall der damit betraute Mitarbeiter Bescheid. Kein Inhaber oder Geschäftsführer eines Betriebs mit 20 oder 200 Mitarbeitern kann im Detail wissen, welche Aufgabe ein Mitarbeiter gerade bearbeitet und welche Lösung die Beste ist. Wer das als Chef von sich behauptet, ist entweder größenwahnsinnig oder schlichtweg autoritär.

Denn seit dem frühen 20. Jahrhundert sind die Kontrollfreaks unter den Vorgesetzten keineswegs ausgestorben. Kontrolle ist natürlich wichtig, wenn es darum geht, bestimmte Qualitätskriterien oder gesetzliche Vorschriften einzuhalten. Bestimmte Arbeitsschritte oder durchgeführte Aufgaben müssen daher sorgsam dokumentiert werden. Nur so lässt sich beispielsweise bei Reklamationen nachweisen, dass eine Aufgabe auch ausgeführt wurde.

Manche Vorgesetzte übersehen aber, dass es oft nicht nur einen, sondern mehrere Lösungswege gibt, die unter dem Strich gleichermaßen effizient zum Ziel führen. Wer hier seinen Mitarbeitern keine Entscheidungsfreiheit zugesteht, sorgt nicht etwa für besseres Arbeiten, sondern für das Gegenteil: Die Kollegen fühlen sich gegängelt und sind zunehmend demotiviert. Gefördert wird dadurch ein Klima der Angst im Unternehmen: Niemand traut sich, eigenständig eine Entscheidung zu treffen. Für jeden noch so kleinen Schritt wird der Vorgesetzte gefragt, der sich im Extremfall wiederum bei seinem Vorgesetzten rückversichert.

Solche Strukturen sind quasi ein Garant dafür, dass sich ein Unternehmen nicht vom Fleck bewegt und von Konkurrenten überholt wird. Kreative Einfälle landen in der Ablage und nicht im Management. Gearbeitet wird wie in der Armee – und wer sich den Regeln widersetzt, wird erschossen. Manche Menschen behaupten, dass man eine solche Unternehmens-„Kultur“ sogar riechen kann: Angstschweiß liegt in der Luft!

Wer in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft erfolgreich sein will, sollte solche verkrustete Strukturen durchbrechen! Viele Entscheidungen können auch von einzelnen, erfahrenen Mitarbeitern oder Mitarbeiter-Teams getroffen werden. Änderungen der Arbeitsabläufe sollten dokumentiert und begründet werden, doch der Chef muss nicht jede Entscheidung hinterfragen und kontrollieren. Das befreit das Management von Alltags-Ballast und die Mitarbeiter von Druck und Kontrolle. Perfektionisten und Kontrollfreaks werden sich in einem solchen, offenerem Klima nicht wohlfühlen. Das sollte man dann zur Kenntnis nehmen und die Alleinherrscher durch echte Teamarbeiter ersetzen.

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